By

Textfundstück: Als der Mond einen Affen hatte

Kreatives Schreiben über Mond und Affe - Offener Schreibtreff in Berlin

Bild: A. Dreher / pixelio

Dieser Text entstand bei einem unserer Offenen Treffs für kreatives Schreiben in Berlin-Pankow.

Als der Mond einen Affen hatte

von Petra Lohan

Genüsslich lehnte der Mond sich auf einer Astgabel zurück. Er befand sich gerade in seiner Halbmondzeit und so war es ein leichtes für ihn, sich zu verstecken. Er war schon sehr betagt, mehrere Millionen Jahre hatte er schon erlebt, ebenso viele Winter, Frühlinge, Sommer, Herbste, einige Eiszeiten, Überschwemmungen, Hitzewellen, Klimaveränderungen.

Er war es leid, immer und immer wieder dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Zeigte er sich in seiner ganzen Fülle, rund und strahlend, so sagten die Menschen:

„Das Wetter wird umschlagen.“

War er besonders glücklich und ließ seine nächste Umgebung hell erstrahlen, meinten sie: „Ein Unwetter wird kommen.“
Selbst die Gezeiten schrieben sie ihm zu, ja, sogar die Geburten. Sogar das Regelblut der Frauen wurde mit ihm in Zusammenhang gebracht.
Er ließ sich noch ein wenig tiefer ins Geäst sinken.
„Dabei bin ich doch nur ein winziges Teilchen im Puzzle! Niemand regt sich über die Sonne auf, obgleich sie doch mit ihren Strahlen ganze Erdstriche vertrocknen lässt.
Und was ist mit den anderen Planeten? Nur weil sie nicht sichtbar sind, sollen sie keine Auswirkungen auf das Geschehen auf der Erde haben?
Oder die vielen Sterne – die Menschen kennen sie zwar und beobachten sie…“
Ihm kam das ungerecht vor.
Jetzt hatten sie sogar schon einen Affen zu ihm geschickt.
Auf einer Raumfähre; es war derselbe Affe, der ihn schon seit aller Ewigkeit nervte.
Der ewige Affe, der ihn nie in Ruhe ließ, der hin und her rannte, Streit suchend die anderen gegen sich aufbrachte.
Der Affe, der alle Puzzleteile durcheinander warf – ihn sollten sie beobachten, oder, besser noch: verhaften.

Er war der Urheber allen Unheils. Jetzt aber schickten sie ihn zu ihm – damit seine Ruhe nun wirklich dahin war; der Affe würde die Mondsteine durch die Gegend werfen, er würde seine Nase in Dinge stecken, die ihn nun wirklich gar nichts angingen.
Und das allerschlimmste: Der Affe würde herausfinden, dass es den Mann im Mond gar nicht gibt – der Mann im Mond, die letzte Instanz mit der die Menschenkinder noch zu beruhigen waren.
Ihm graute vor dieser Zukunft:
Eine Zukunft ohne Würde und Anstand.
Verdammt zu ewiger Unruhe und Schlaflosigkeit durch die Raserei des Affen.
Ganz für sich beschloss der Mond:
Er würde nicht mehr aus seinem Versteck heraus kommen – er würde nicht mehr für die Menschen scheinen, und den Rhythmus des Wassers, den sollten sie in Zukunft selber regeln.

Eine heftige Unruhe hatte unterdessen den Affen befallen – nicht, dass das ein unbekannter Zustand für ihn gewesen wäre – seit Anbeginn seiner Existenz war sie mit ihm, er sah, was schief lief, wollte es verändern, wollte sagen: Halt! Stopp!
Aber niemand beachtete ihn.
Ja, auch damals, als sich einige seiner Artgenossen von der Ursippe der Affen abzuspalten begannen und die Dinge wirklich kompliziert wurden, da weigerten sich auch alle, ihm zuzuhören.
Und so rannte er dagegen, unaufhörlich, immer wieder, seit Jahrtausenden.

Epilog

Der Mond mit seinem Affen auf dem Stück der Erde, das ihm noch geblieben war, glitt dahin in der Unendlichkeit des Weltalls.
Der Affe, der es sich in einem Kraterloch des Mondes bequem gemacht hatte, um sich von seinem Schock zu erholen, begann, langsam aufzuwachen.
Noch immer benommen und einsam, hungrig und ärgerlich, hysterisch und aufwieglerisch, begann er, sich zu strecken.
Und als er sich wieder als der fühlte, der er war, bevor ihm diese unglaubliche Geschichte mit dem Mond passiert war, begann er erneut zu schreien, schmiss mit Steinen um sich, rannte hin und her auf der Oberfläche des Mondes und veranstaltete ein solches Gezeter, dass der Mond sich schließlich entschloss, etwas zu erwidern, da ihn die Unruhe des Affen doch sehr störte:
„Nun beruhige dich!“, begann er, „ das wird in ein paar Tagen wieder besser.“
„Nie, niemals wird es wieder besser!“ Der Affe glaubte dem Mond kein Wort und fuhr fort, sich kreischend hin und her zu bewegen. Alles, was er fand, warf er durcheinander – unerträglich wurde sein Geschrei.
„Das habe ich befürchtet! – Wenn du dich weiter so aufführst, fallen wir noch hinunter. Was dann?“
„Is mir egal, is mir alles egal! Du hättest die Erde retten können! Nur du!“
„Hättest du nicht immer so gesoffen und dich so äffisch verhalten, ja, dann hätt ich‘s vielleicht versucht. – Aber so?! War ja nicht auszuhalten. Ich wünschte wirklich, du hättest dir ‘nen anderen ausgesucht. Aber es musste ja mal wieder mich treffen!“
Nun schrie der Affe wie am Spieß, biss in die sandige Oberfläche des Mondes, trommelte mit den Fäusten und stampfte mit den Füßen.
„Was fällt dir ein! Öffentlich darüber zu reden – so viel Anstand hättest du wohl bewahren können! Alter Mond! Das hätte ich nie von dir gedacht!“
Und der Affe fiel in ein langanhaltendes Geheule und begann sich einzugraben.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin